Bakterien weg, weil Stallboden weg?
von Dr. Bernd Löwer, Schülke & Mayr GmbH 22640 Norderstedt
erschienen in der "Landpost" 13/97
Säurehaltige Desinfektionsmittel greifen nicht nur Keime an
 

   Mancher Anwender eines
   säurebasierten
   Stalldesinfektionsmittels mag sich
   diese Frage eher mit einem
   ärgerlichen Unterton gestellt haben.

   Sehr viel Grund zum Lachen hat
   der Landwirt sicher nicht, wenn
   der Beton sich langsam auflöst
   oder das verzinkte Stahlblech eine
   weiße, mehlige Schicht absondert.
   Es gibt gewisse Grundprinzipien
   der Chemie, deren Auswirkungen
   auch im Stallbereich spürbar sind.
   Dazu zählen unter anderem auch
   die unterschiedliche Agressivität
   pH-neutraler oder saurer
   Lösungen gegenüber üblichen im
   Stall vorkommenden Materialien.

     Empfindliche Materialien
   Produkte, die ihre Wirksamkeit
   aus dem Säuregehalt schöpfen,
   greifen nicht nur die
   säureempfindlichen Keime an,
   sondern selbstverständlich auch
   säureempfindliche Materialien im
   Stallbereich. Während die meisten
   Kunststoffe und wohl auch
   Edelstahl diesen Angriff
   überstehen, sind Beton ,Kalkstein,
   Putz oder ähnliches sowie
   ungeschützter Stahl und
   feuerverzinkter Stahl, in
   abgemildeter Form auch Kupfer
   und Messing, dem Säureangriff
   ausgelie-

fert. Ph-neutrale Produkte, deren
Wirksamkeit zum Beispiel auf
ihrem Aldehydgehalt
beruht,verhalten sich gegenüber
Materialien etwa wie
Leitungswasser. Der Wirkstoff
bringt keine zusätzliche
Aggressivität. In einem
Standartversuch kann man die
Einflüsse der Produktlösungen auf
die Materialien testen. Nach
bestimmten Einwirkzeiten der
Produkte wir die
Gewichtsdifferenz vorher/nachher
bestimmt und, auf die Fläche
bezogen, als Abtrag in Gramm
pro Quadratmeter angegeben.
Einen ähnlichen Eindruck
vermittelt ein benetzungstest auf
feuerverzinktem Stahl, einem
üblichen Material bei vielen
Blechen, Trenngittern,
Lüftergittern und so weiter.
Schon nach einer Stunde ist das
Blech an der Stelle, an der das
säurehaltige Produkt aufgetropft
wurde, weiß angelaufen. Dieser
Effekt steigert sich, wenn der
Kontakt über längere Zeit
beibehalten wird. Dagegen zeigt
sich kein Einfluß an den Stellen,
an denen die Lösung
aldehydhaltiger Prodikt
aufgetropft wurden.
Freie Bahn für die Korrosion
Die in solchen Tests erkennbaren
Unterschiede in der
Materialverträglichkeit lassen auf
ein ver-

gleichbares Verhalten in derPraxis
schließen. Ist die Verzinkung erst
einmal angegriffen, erfolgt ein
gnadenloser Angriff auf das blanke
Eisen. Aus weißem Belag wird
brauner Rost. Selbst Leitungswasser
ist auf diesem rohen Material
agressiv.Nun ist allein schon diese
Tatsache der Materialschädigung
durch säurebasierte
Stalldesinfektionsmittel kritisch.
Hinzu kommt aber noch der
Aspekt, daß der Wirkstoff Säure
beim Angriff auf das Material rasch
abreagiert, was sich in einer sehr
schnellen pH-Wertänderung (von
sauer nach neutral) äußert. Im
Laborversuch ist es praktisch
unmöglich, in einem Tropfen eines
säurebasierten
Stalldesinfektionsmittels auf Putz
den ursprünglichen pH-Wert ( ca
 2,5) zu messen, den die
Gebrauchslösung  in einem
Reagenzglas hat. Innerhalb von etwa
5 sec beträgt der pH-wert 3,5 nach
etwa zehn sec liegt er bei etwas 6
bis 7. Das wirft aber die Frage auf:
womit wirkt ein solches Produkt
noch gegen die Bakterien, wenn der
Wirkstoff neutralisiert ist? Ein
aldehydbasiertes Produkt behält
auch beim Kontakt mit Materialien
den Aldehydgehalt, aber der
Wirkstoff des säurebasierten
Produktes erschöpft sich in der
Reaktion mit dem Material, das
angegriffen wird.

Es ist eine absurde Vorstellung, zur Desinfektion die aufgebrachte Lösungsmenge zu verdoppeln, damit die eine Hälfte sich noch mit den Keimen auseinandersetzen kann, während die andere Hälfte mit der Materialzerstörung beschäftigt ist.
 

Zurück zur Homepage